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Der Tagesspiegel, 11.01.09

Tagesspiegel, 11.01.2009

Gute Seiten, schlechte Seiten
Für die eine steht der Untergang des Kochbuchs fest, denn sie findet ihre Rezepte im Internet. Für die andere ist ein Laptop in der Küche das Letzte. Ein Pro & Contra

Alfred Biolek, Jamie Oliver und ihre Brüder im Geiste füllen in meinem Bücherregal eine komplette Reihe. Es ist aber schon reichlich Zeit verstrichen, seit ich die Kochbücher der Herren zum letzten Mal zur Hand genommen habe. Ich erinnere mich bloß noch daran, dass bei Jamie Oliver fast in jedem Gericht Bacon oder Worcestersauce oder sonst eine verrückte britische Zutat vorkommt und dass bei Alfred Biolek steht, ein Stück Parmesan halte sich in Alufolie eingewickelt ewig und drei Tage im Kühlschrank. Toll. Ehrlich, öfter greife ich zum Zestenreißer als zu den Bibeln der satten Risotto-Oligarchen.

Überhaupt, Kochbücher können tief enttäuschen. Ihre Bilder lassen zwar erahnen, wie viel Zeit detailverliebte Food-Stylistinnen mit der Inszenierung von Tautropfen auf den Kirschtomaten zugebracht haben müssen, aber nicht, wie das Essen am Ende wirklich aussehen wird. Ist doch klar wie Kloßbrühe, dass selbst gemachtes Essen niemals so frisch und prall wirken wird wie der mediterrane Sommersalat auf Seite 87. Ganz zu schweigen von den schrecklichen Inszenierungen, die meist in ihrer Toskanahaftigkeit nicht zu übertreffen sind. Ich hätte gerne eine Idee für ein gutes Pasta-Gericht und will es bitte vom Teller essen, nicht aus einem Vintage-Einmachglas. Ich kann ja auch sonst ausgezeichnet damit leben, dass die länglichen Gewächse vor dem Fenster von Motten befallene Kastanienbäume sind und keine Zypressen. Das gilt übrigens auch für die Provence, Mallorca und andere sonnige Sehnsuchtsorte der deutschen Hausfrau.

Der Laptop ist neben der beschichteten Pfanne mein treuestes Küchengerät. Schnell aufgeklappt, zwei, drei Suchbegriffe eingegeben - und schon erscheinen seitenweise Kochanleitungen zum Thema. Mit sympathisch-unscharfen Bildern, die Laien wie ich von dampfenden Tellern gemacht und hochgeladen haben. Mit wirklich relevanten Tipps zu alternativen Zutaten, falls ich gerade zufälligerweise keine frischen Cranberries oder Kreuzkümmel zur Hand habe. Und natürlich mit wertvollen Erfahrungsberichten von tapferen Alltagsköchen - jenen Menschen also, die werktags um 19 Uhr 55 an der Supermarktkasse atemlos ein Pfund Hackfleisch Halb und Halb aufs Band werfen und keine Zeit haben, sich lange in Enzyklopädien zu verlieren.

Das Internet ist urdemokratisch, und das Sprichwort "Viele Köche verderben den Brei" ist ausgekochter Quatsch. Das Internet steht für die kulinarische Weisheit der Massen.

"Bestreichen Sie die Meerschweinchen mit Salz"

Wenn ich Lust auf das peruanische Nationalgericht "Cuy" habe, lade ich mir im Handumdrehen das passende Rezept auf der Seite www.kochen-international.de . "Bestreichen Sie die Meerschweinchen mit Salz. Zerdrücken Sie die Knoblauchzehen und geben Sie sie in 100 ml Salsa. Bestreichen Sie die Meerschweinchen ringsherum mit der Salsa." Na bitte! So direkt klingt die pragmatische Sprache des Internets. Ein bisschen gesunder Menschenverstand kann natürlich nicht schaden. Wer seinem eigenen Geschmack nicht vertraut, sollte sich ein Studentenkochbuch von "Gräfe und Unzer" kaufen, wo steht, dass man das Ei salzen soll.

Die Rezepte im Netz werden laufend aktualisiert. Im Winter wird vermehrt Herzhaftes angeboten, im Sommer Leichtes. Es gibt geniale Suchmaschinen, in die man eingeben kann, was noch in Kühlschrank und Vorratsschrank auf seinen Einsatz wartet. So viel Kochbücher kann man gar nicht kaufen. Wenn das virtuelle Füllhorn einen nicht inspiriert, was denn dann?

Vollkommen papierlos ist das Netz natürlich sowieso: Einkaufslisten kann ich mir oder dem Mitbewohner, der gerade im Bioladen ist, kostenfrei aufs Handy schicken. Das spart Zeit. Und je mehr Zeit man beim Aussuchen des Menüs und beim Einkaufen spart, desto länger kann man sich am Ende mit dem wirklich Wichtigen aufhalten: dem Kochen und Essen, dem Weintrinken, Espressomachen und Pläneschmieden. Nur eine Sache würde ich inzwischen anders machen: Mein nächster Laptop wird ganz sicher schwarz sein. Esther Kogelboom

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